Wahl der Extreme: Rechte Autokraten-Tochter tritt gegen linksradikalen Lehrer an

Am Sonntag haben die Peruaner die Qual der Wahl zwischen zwei extremen Präsidentschaftskandidaten: der Rechtspopulistin Keiko Fujimori und dem Sozialisten Pedro Castillo.

„Die Wahl am 6. Juni wird ohne Probleme stattfinden“, kündigte Perus Übergangspräsident Francisco Sagasti letzte Woche an und rief alle Bürgerinnen und Bürger dazu auf, wählen zu gehen. Worte, die schnell zynisch klingen, wenn man bedenkt, dass Sagasti gerade vom Tatort eines blutigen Massakers kommt. Vergangenen Montag hatten Kämpfer der linksgerichteten Guerilla-Organisation Leuchtender Pfad („Sendero Luminoso“) 16 Menschen im zentralperuanischen Dorf San Miguel del Ene getötet, darunter auch Frauen und Kinder. In einem Bekennerschreiben riefen die Täter zum Boykott der anstehenden Präsidentschaftswahl auf.

Inmitten steigender Armut und Gewalt, einem der schlimmsten Corona-Ausbrüche weltweit sowie monatelangen politischen Krisen, könnte die Wahl des fünften Präsidenten in fünf Jahren kaum polarisierender sein: Bei der Stichwahl tritt der linke Sozialist und Farmersohn Pedro Castillo gegen die unbeliebte Rechtspopulistin und Tochter eines Ex-Diktators, Keiko Fujimori, an. Die Angst ist groß, dass egal welche der radikalen Kräfte gewinnt, die dunklen Kämpfe der Vergangenheit zurückkehren.

Pedro Castillo: Bauernsohn, Lehrer und von der Elite gefürchtet 

Pedro Castillo, der als Sohn von einfachen Bauern aufwächst und später als Grundschullehrer arbeitet, inszeniert sich gerne als Mann des Volkes. „Keine Armen mehr in einem reichen Land“, lautet sein Wahlkampfmotto. Bilder der letzten Woche zeigen ihn, wie er mit seinem typischen breitkrempigen Strohhut auf einer Bühne im südlichen Hochland umringt von einer Vielzahl von Unterstützern steht.

Castillo ist Mitglied der linksradikalen „Perú Libre“, die einen sozialistischen Staat aufbauen will und eine neue Verfassung für das Volk verspricht. Die marxistisch-leninistische Partei will die freie Marktwirtschaft und das Verfassungsgericht abschaffen, die Medien stärker kontrollieren und fordert eine umfassende Verstaatlichung der Öl- und Gasressourcen.

Vor der jubelnden Menge wettert er gegen die „goldenen Gehälter“ der verachteten politischen Elite und verspricht, den „alten, korrupten Staat“ zu stürzen. Seine Worte fallen besonders in seiner Heimatregion Cajamarca auf fruchtbaren Boden. Die Region mit den lukrativsten Goldminen im ganzen Land wurde von der Regierung über Jahre stark vernachlässigt und gehört inzwischen zu den ärmsten im Land.

Im Gegensatz dazu sind die reichen Viertel in der Hauptstadt Lima zugepflastert mit Plakaten, auf denen die üblichen Angstbotschaften stehen: „Kein Kommunismus“, „Peru ist nicht Venezuela und nicht Kuba“ und „Wir lassen uns unsere Freiheit nicht nehmen.“

Keiko Fujimori – „das kleinere Übel“?

Aus Angst vor einem Sieg Castillos hat sich die Elite des Landes sichtbar um Fujimori gescharrt. Als die 46-Jährige im Hof ​​eines aristokratischen Herrenhauses ein Versprechen zur Aufrechterhaltung der Demokratie unterzeichnet, stehen der rechte venezolanische Oppositionsführer Leopoldo López und der Schriftsteller und politische Kommentator Álvaro Vargas Llosa an ihrer Seite. Dessen Vater, der Romanautor Mario Vargas Llosa, bezeichnete Fujimori als „das kleinere Übel“.

Die Rechtspopulistin kämpft nicht nur gegen ihren linken Kontrahenten, sondern auch gegen die nachhaltigste politische Bewegung der letzten zwei Jahrzehnte – den sogenannten Antifujimorismo. Ihr Vater, der Ex-Diktator Alberto Fujimori (1990 – 2000) sitzt derzeit wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen für 25 Jahre in Haft. Eines seiner schlimmsten Verbrechen: die heimliche Zwangssterilisierung von indigenen Frauen – unter dem Deckmantel der Armutsbekämpfung.

Castillo forderte Fujimori im letzten TV-Duell auf, sich für ihren Vater bei den Frauen zu entschuldigen. Sie wiederum warf ihm vor, Gewalt im Wahlkampf angezettelt zu haben. „Sie sind es gewohnt, Steine zu werfen“, sagte Fujimori und hielt einen Stein hoch. Auf einer Wahlveranstaltung hatten Unterstützer Castillos Steine geworfen, eine Anhängerin der Gegenseite verletzt.

Doch die rechte Politikerin ist selbst kein unbeschriebenes Blatt. Fujimori hat bereits mehr als ein Jahr in Untersuchungshaft verbracht, weil ihr vorgeworfen wird, illegale Wahlkampfgelder in Höhe von mehr als 17 Millionen Dollar erhalten zu haben und eine kriminelle Organisation, nämlich ihre eigene Partei „Fuerza Popular“, anzuführen. Sie selbst bestreitet die Vorwürfe als politisch motiviert, muss jedoch im Falle einer Verurteilung mit einer 30-jährigen Gefängnisstrafe rechnen.

Aufgeheizter Wahlkampf und Krisenstimmung im Land

Wie unbeliebt Fujimori in der Bevölkerung ist, zeigen nicht nur Umfragen, sondern auch die im ganzen Land stattfindenden Protestmärsche gegen ihre Kandidatur. „Es ist nicht möglich, dass sich jemand, gegen den wegen Korruption ermittelt wird, für die Präsidentschaft aufstellt“, sagte Wendy Mesa, 33, beim Marsch am vergangenen Dienstag einem Reporter der britischen Zeitung „Guardian“ in Lima. „Wir Peruaner haben Würde, und wir erinnern uns“, sagte die 48-jährige Marisa Rojas. „Ich marschiere gegen die Anführerin einer kriminellen Vereinigung.“

Und dennoch liegt die Rechtspopulistin, die in den letzten beiden Präsidentschaftswahlen knapp verloren hatte, in Umfragen diesmal nur zwei Prozentpunkte hinter Pedro Castillo. Nach einem aufgeheizten Wahlkampf haben beide Seiten bereits gedroht, das Ergebnis im Falle einer Niederlage wegen Wahlbetrugs nicht zu akzeptieren. „Wir haben noch nie eine Wahl mit so vielen Fake News gesehen“, twitterte Ivan Lanegra, Generalsekretär der peruanischen NGO Transparencia. „Die Atmosphäre des Misstrauens begünstigt ihre Verbreitung“, fügte er hinzu. 

Zur Krisenstimmung im Land trugen diese Woche neue Statistiken bei, die enthüllten, was viele Peruaner bereits vermutet hatten: Mehr als doppelt so viele Menschen als bisher angenommen sind in Peru nach einer Corona-Infektion gestorben. Nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität (JHU) hat das Land somit, gemessen an der Bevölkerung, eine der höchsten Sterblichkeitsraten weltweit.

Quellen:BBC, „Guardian„, RND