Steinmeiers Kandidatur – Als Erster gemeldet

1. Die grüne Partei ist, nach einem Höhenflug, plötzlich in der Defensive. Es stehen harte Zeiten bevor

Die Grünen könnten die mächtigste Partei im Staate werden. Aber was wird aus der Macht, wenn man an der Macht ist?

Zu Beginn seiner Zeit als Ministerpräsident von Baden-Württemberg sagte Winfried Kretschmann, weniger Autos seien besser; heute fahren gut eine Million mehr Autos durch das Bundesland als vor zehn Jahren. Sind die Grünen und ihre Wähler besonders bigott, oder lässt ihr Anspruch, nicht allein den Wald, sondern gleich die ganze Welt zu retten, sie im Kompromissfall nur besonders mau aussehen?

»Die Schwarzen«, sagt der grüne Ex-Umweltminister Jürgen Trittin im Interview, »bewegen sich nur, wenn es gar nicht mehr anders geht. Die Grünen sagen, wir brauchen umfassende Veränderung.« Doch die Gelegenheitswähler, so mein Kollege Ullrich Fichtner, wollen keine grüne Revolution, »eher einen Smoothie, gemixt aus sanftem Druck und gutem Willen«.

Was bisher aussieht wie ein taktisches Problem, kann ein grundsätzliches werden. Und die jahrzehntelange Wanderung zur Macht auf den letzten Metern gefährden.

2. Frank-Walter Steinmeier kündigt, neun Monate vor der Bundespräsidentenwahl, seine erneute Kandidatur für das höchste Amt im Staate an

Nicht einmal sechs Minuten, die über beinahe sechs Jahre – voraussichtlich – mitbestimmen: Er kandidiere für eine zweite Amtszeit, sagte Frank-Walter Steinmeier heute in einer Ansprache ohne Aussprache (keine weiteren Fragen) im Schloss Bellevue, und zwar »nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Überzeugung«. Ein kurioser, fast charmanter Satz, der Bescheidenheit ausdrücken soll: Er könne »nicht von vorneherein auf eine Mehrheit in der Bundesversammlung bauen«, das sei ihm durchaus bewusst.

Doch wenn der amtierende Bundespräsident, so sieht es meine Kollegin Melanie Ammann, »völlig abweichend vom Üblichen sagt, dass er weitermachen will, bevor es überhaupt ein Gespräch der Parteien gab, wer vielleicht auch infrage käme – dann macht er eine andere Kandidatur beinahe unmöglich«.

Für mich war Steinmeier immer einer, um den uns viele europäische Nachbarn zu Recht beneiden: klug, integer, an sozialen Fragen aufrichtig interessiert. Was natürlich zusammengehen kann mit einem guten Gespür für Macht.

3. Der französische Milliardär und Kunstsammler François Pinault eröffnet sein Museum in Paris – mit überraschend progressiver Kunst

Ein Bauernsohn aus der Bretagne, der mit Holzhandel begann und als Chef des Luxuskonzerns zum drittreichsten Mann Frankreichs wurde: François Pinault ist eine Macht für sich. Nun will er zeigen, sagte er meiner Kollegin Britta Sandberg, »dass Kunst nicht immer etwas mit Geld zu tun hat«.

Was für ein merkwürdiger Satz, eigentlich. Und doch zeigt sein Porträt, in welch feudalistischen Zeiten wir leben: Der Autodidakt Pinault, der kein Snob sein will, gibt ein Vielfaches des Etats staatlicher Museen aus; schnell entschieden, intuitiv. Für verstörende, ganz und gar ungemütliche Kunst.

Kein Wunder, könnte man sagen: Schönheit hat er zu Hause. Weil er sie sich leisten kann.

Das immerhin ist ein Unterschied zum alten Feudalismus: Da schmückte sich die Macht mit Harmonie und Prächtigkeit.

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Und am Wochenende

Entscheidungsmelancholie. Ich weiß nicht, woher er kommt, dieser Begriff, aber er trifft das Freitagabendgefühl: Den ganzen Tag über, die ganze Woche lang hat man unentwegt Entscheidungen getroffen. Aufräumen oder ausruhen, Fahrrad oder U-Bahn, Bolognese vegan oder mit Fleisch, Mails beantworten oder im Speicher verschwinden lassen, widersprechen oder schweigen, sich Sorgen machen oder Wein trinken, das ganze Leben auf die Streckbank legen oder es gut sein lassen. Früher, als es nur das Früher der anderen gab, da gab es am Abend ganze drei Fernsehsender… Ok, ich höre schon auf.

Inzwischen gibt es Amazon, Netflix und die Mediatheken. Und es gibt Mubi. Ein Filmportal, das sich in alle Weltgegenden erstreckt. Brasilien und Afghanistan, Polynesien und Nigeria, Island, Bulgarien – you name it. Der erste Vorteil: Es gibt, so meine Erfahrung, überhaupt keinen Schrott, sondern nur gutes oder auch sehr gutes Zeug. Und vieles davon ungewöhnlich. Der zweite Vorteil: Die Auswahl wechselt, aber sie ist klein. Keine Entscheidungsmelancholie, stattdessen: Augenglück. (Hier geht’s zur Website.)

In der kommenden Woche lesen Sie hier wieder meinen Kollegen Oliver Trenkamp. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Elke Schmitter

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