RKI – Coronavirus SARS-CoV-2 – Übersicht zu besorgniserregenden SARS-CoV-2-Virusvarianten (VOC)

Besorgniserregende Virusvarianten (variants of concern, VOC) sind Virusvarianten, die sich in ihren Erregereigenschaften wie beispielsweise der Übertragbarkeit, der Virulenz, oder der Suszeptibilität gegenüber der Immunantwort von genesenen oder geimpften Personen relevant von den herkömmlichen Virusvarianten unterscheiden. Das RKI veröffentlicht jeden Mittwoch ausführliche Berichte zu VOC und VOI in Deutschland.

Übersicht

Die WHO listet derzeit folgende VOC, die sich weltweit zum Teil mit großer Dynamik ausbreiten:

B.1.1.7 (Alpha): Im Dezember 2020 berichteten britische Behörden von dieser neuen SARS-CoV-2-Virusvariante, die erstmals im September 2020 in Großbritannien nachgewiesen wurde. Sie ist noch leichter von Mensch zu Mensch übertragbar als die zuvor zirkulierenden Varianten und weist eine höhere Reproduktionszahl auf, so dass ihre Ausbreitung schwerer einzudämmen ist. Es gibt Hinweise darauf, dass sie mit einer erhöhten Fallsterblichkeit in allen Altersgruppen einhergeht. Hinweise auf eine substantiell verringerte Wirksamkeit der Impfstoffe gibt es bislang nicht. Bei B.1.1.7 mit E484K handelt es sich um eine Sonderform der Variante, die mehrfach in Großbritannien nachgewiesen wurde, derzeit aber bislang selten in Deutschland vorkommt. Sie weist im S-Protein eine zusätzliche Mutation auf (E484K), die auch in den Varianten B.1.351 und P.1 auftritt (siehe unten) und das Virus unempfindlicher gegen bereits gebildete neutralisierende Antikörper macht. Deswegen wird vermutet, dass die derzeit erhältlichen Impfstoffe gegen diese Variante eine geringere Wirksamkeit aufweisen könnten.

Die Variante B.1.1.7 (Alpha) gilt nicht als Virusvariante im Sinne von §10 Abs. 2 Nr. 1 der Verordnung zur Regelung von Erleichterungen und Ausnahmen von Schutzmaßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung von COVID-19 (COVID-19-Schutzmaßnahmen-Ausnahmenverordnung – SchAusnahmV).

B.1.351 (Beta): Über diese Virusvariante, die zuerst in Südafrika nachgewiesen wurde, wurde ebenfalls erstmals im Dezember 2020 berichtet. Mehrere Studien weisen auch darauf hin, dass Menschen, die mit der ursprünglichen Variante infiziert waren oder einen auf dieser beruhenden Impfstoff erhalten haben, weniger gut vor einer Infektion mit B.1.351 geschützt sind, da die neutralisierenden Antikörper, die das Immunsystem gebildet hat, gegen das veränderte Virus weniger wirksam sind. Auch für diese Variante wird eine höhere Übertragbarkeit diskutiert.

P.1 (Gamma): Diese von der Linie B.1.1.28 abstammende SARS-CoV-2-Variante wurde erstmals im brasilianischen Staat Amazonas nachgewiesen und ähnelt in ihren Veränderungen der südafrikanischen Variante. Sie weist bestimmte Mutationen wie E484K auf, die u.a. auch in B.1.351 präsent sind. Experimentelle Daten deuten auch für diese Variante auf eine reduzierte Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen bzw. Geimpften hin. Eine erhöhte Übertragbarkeit wird auch für diese Virusvariante angenommen.

B.1.617.2 (Delta): Diese Variante wurde zuerst im indischen Bundesstaat Maharashtra nachgewiesen. Sie verbreitet sich zur Zeit stark in Großbritannien. B.1.617.2 zeichnet sich durch Mutationen aus, die mit einer reduzierten Wirksamkeit der Immunantwort in Verbindung gebracht werden, und durch Mutationen, die die Übertragbarkeit des Virus erhöhen könnten. Erste Laborexperimente und Daten von Beobachtungsstudien aus Großbritannien deuten darauf hin, dass die Impfstoffwirksamkeit nach vollständiger Impfung etwas unterhalb der Wirksamkeit gegenüber B.1.1.7 liegt. Vorläufige Ergebnisse aus Großbritannien weisen auf eine höhere Übertragbarkeit der Variante B.1.617.2 im Vergleich zur Variante B.1.1.7 (Alpha) hin. Des Weiteren könnten Infektionen mit der Variante B.1.617.2 zu schwereren Krankheitsverläufen führen.

Molekularbiologische Details zu den Varianten sind unter SARS-CoV-2: Virologische Basisdaten und Virusvarianten abrufbar. Karten zur internationalen Verbreitung stellt die Seite cov-lineages.org zur Verfügung.

Varianten unter Beobachtung (Variants of Interest – VOI): Im Rahmen der Integrierten Molekularen Surveillance stehen weitere Virus-Linien derzeit aufgrund verschiedener besorgniserregender Mutationen unter besonderer Beobachtung.

Situation in Deutschland

Das RKI veröffentlicht jeden Mittwoch ausführliche Berichte zu VOC und VOI in Deutschland.

Am 24.12.2020 berichtete das Land Baden-Württemberg erstmals über einen Nachweis der Linie B.1.1.7. (Alpha). Seitdem hat sich B.1.1.7 rasch verbreitet und ist inzwischen die dominierende Variante in Deutschland. Viren der Linie B.1.351 (Beta) sind in Deutschland ebenfalls nachgewiesen worden, aber deutlich weniger verbreitet. Die Variante B.1.617 (Delta) wurde bisher nur in einem geringen Prozentsatz der Proben nachgewiesen, ihr Anteil hat sich im niedrigen einstelligen Prozentbereich stabilisiert. Die Linie P.1 (Gamma) wurde bislang nur bei vergleichsweise wenigen Fällen in Deutschland nachgewiesen.

Alle Impfstoffe, die aktuell in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigen Erkenntnissen jedoch sehr gut vor einer Erkrankung durch B.1.1.7 und sie schützen auch vor schweren Erkrankungen durch die anderen Varianten. Der Großteil der Bevölkerung ist jedoch noch nicht geimpft. Deshalb ist es umso wichtiger, die bekannten Regeln – Kontaktreduktion, mind. 1,5 Meter Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Masken tragen und lüften – konsequent einzuhalten, um generell Übertragungen zu verhindern, die Ausbreitung der VOC zu verlangsamen und damit der Überbeanspruchung der Krankenhäuser und Gesundheitsämter entgegenzuwirken. Reisen sollten derzeit unbedingt vermieden werden.

Unter Berücksichtigung der Eigenschaften von B.1.1.7 hat das RKI seine Empfehlungen u.a. zum Kontaktpersonenmanagement und zur Entisolierung und angepasst. In den Dokumenten zur Diagnostik sind ebenfalls verschiedene Hinweise dazu zu finden. Siehe auch aktuelle Risikobewertung zu COVID-19 in Deutschland: www.rki.de/covid-19-risikobewertung

Molekulare Surveillance in Deutschland

Zirkulierende SARS-CoV-2-Viren werden in Deutschland zunehmend auf Ebene der Genomsequenzierung molekularbiologisch untersucht. Die Zahl der Genomsequenzierungen ist deutlich erhöht worden (siehe Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit). Ansprechpartner für Sequenzierungen ist das Konsiliarlabor für Coronaviren an der Berliner Charité (einen Überblick über aktuelle Sequenzen liefert u.a. die Internetseite des Konsiliarlabors: https://civnb.info/sequences/). Auch das Robert Koch-Institut führt Genomsequenzierungen durch, ebenso Universitätskliniken, Landeslabore oder entsprechend befähigte private Labore (Erläuterungen unter „Hinweise zur Testung von Patienten auf Infektion mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2„, Abschnitt „Molekulare Surveillance„). Die Sequenzdaten werden aus verschiedenen Quellen am RKI zusammengeführt. Das RKI stellt zur Übermittlung von Sequenzdaten eine technische Plattform zur Verfügung: Deutscher elektronischer Sequenzdaten-Hub, kurz DESH (siehe auch COVID-19FAQ > Diagnostik > Warum sind Genomsequenzierungen wichtig?)

Stand: 08.06.2021