Rente: Altmaier-Berater plädieren für Rente mit 68

Rund drei Monate vor der Bundestagswahl haben Regierungsberater eine Reform hin zur Rente mit 68 vorgeschlagen. Es drohten »schockartig steigende Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025«, prognostiziert der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium in einem Gutachten zur Zukunft der Rente. Daher könne das Renteneintrittsalter nicht langfristig von der Entwicklung der Lebenserwartung abgekoppelt werden.

Nach geltender Rechtslage wird die Altersgrenze für die Rente ohne Abschläge bis 2029 schrittweise von 65 auf 67 Jahre angehoben. Im Augenblick muss jemand 65 Jahre und neun Monate alt sein, um in die reguläre Altersrente zu gehen.

Der Experten-Beirat für das Ministerium von Ressortchef Peter Altmaier (CDU) fordert nun, nach 2030 nicht beim starren Eintrittsalter von 67 Jahren zu bleiben. »Stattdessen müssen die zusätzlichen Lebensjahre nach einer klaren Regel zwischen mehr arbeiten und länger Rente beziehen aufgeteilt werden.« Dafür solle es eine »dynamische Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung« geben. Das Verhältnis der in Arbeit und in Rente verbrachten Lebenszeit solle auf diese Weise konstant bleiben.

Lege man die derzeitigen Prognosen der Lebenserwartung zugrunde, würde im Jahr 2042 mit einer solchen Regel das Rentenalter mit 68 Jahren erreicht, sagte der Direktor am Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik in München, Axel Börsch-Supan, bei dem die Federführung des Gutachtens lag. Der Beirat betonte in seiner Mitteilung: »Sollte die Lebenserwartung abnehmen, kann auch das Rentenalter sinken.«

Dieser Vorschlag ist an sich alles andere als neu. In den vergangenen Jahren hatten auch die Bundesbank, Arbeitgeberverbände oder die Rentenpolitiker der Union für eine Kopplung von Lebenserwartung und Eintrittsalter geworben. Unter Ökonomen herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass sich das System sonst kaum finanzieren lasse – nicht nur unter arbeitgebernahen Vertretern wie dem Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), Michael Hüther. Auch der häufig sozialdemokratisch argumentierende Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht das so.

Dennoch könnten die aktuellen Vorschläge der Regierungsberater das Thema Renten stärker in die bisher von Corona und Klimapolitik dominierten Debatten vor der Bundestagswahl katapultieren. Bei SPD, Grünen, Linken und Gewerkschaften dürften die Positionen des Beirats auf strikte Ablehnung stoßen.

Umso mehr, als es die Experten nicht auf einem höheren Renteneintrittalter beruhen lassen. Sie fordern zudem, auch die Ausgabensteigerung der Rentenversicherung zu dämpfen. Es sei illusionär zu erwarten, »dass sich höhere Beiträge und ein niedrigeres Rentenniveau dauerhaft vermeiden lassen«. Anders ausgedrückt: Die bis 2025 geltenden Haltelinien von mindestens 48 Prozent für das Rentenniveau und höchstens 20 Prozent für den Beitragssatz seien langfristig nicht zu halten.

Allerdings machen die Experten zwei verschiedene Vorschläge, wie sich die »Idee einer Haltelinie zumindest in Teilen« erhalten ließe:

  • Entweder die Haltelinie – also derzeit 48 Prozent Rentenniveau – wird nur noch auf die Zugangsrente angewendet; anschließend erfolgen die Erhöhungen aber immer nur in Höhe der Inflation und nicht wie bisher gemäß den Lohnsteigerungen. So machen es Frankreich und Österreich. Der Nachteil sei, so die Experten, »dass bei hohem Wachstum der Löhne Menschen, die sehr alt werden, im Verhältnis zu den Löhnen nur sehr niedrige Renten erhalten«.

  • Oder das bisherige System eines fixen Eurobetrags als Rentenzahlung für einen erworbenen Entgeltpunkt wird reformiert: Stattdessen würde der Zahlbetrag mit der Anzahl der Entgeltpunkte abnehmen. Konkret würde das also Menschen mit niedrigen Renten kaum treffen, Menschen mit hohen Renten aber stärker. So ließe sich auch Altersarmut besser vermeiden als mit einem einheitlichen System für alle.