News des Tages: Streik der Lokführer, Pinar Atalay wechselt zu RTL

1. Umsteigen

Die Lokführer wollen streiken, und zwar nicht nur die drei aus dem Baerbock-, dem Laschet- und dem Scholz-Zug, sondern alle aus der Gewerkschaft Deutscher Lokführer. Ausgerechnet in der ersten halbwegs entspannten Ferienzeit seit Monaten drohen nun Zugausfälle. Wann genau und in welchen Unternehmensteilen, das ist bislang allerdings unklar.

Also doch ins Auto umsteigen? Benzin und Diesel sind so teuer wie seit Jahren nicht. Da kocht die Wut schnell hoch, vor allem auf die Grünen, so scheint es. Kaum hatte deren Kanzlerkandidatin sich ausgesprochen für die schrittweise Anhebung eines Spritaufschlags auf 16 Cent, »eröffnete ein parteiübergreifendes Bündnis von Klimaheuchlern den Gegenangriff«, wie mein Kollege Gerald Trauffetter kommentierte. Heuchler? Ja, denn: Die schwarz-rote Bundesregierung selbst hat eine aufwachsende CO2-Steuer beschlossen, die dafür sorgen wird, dass der Benzinpreis steigt. »Völlig zu Recht: Verbrennungsmotoren sind Auslaufmodelle«, wie auch unser Kolumnist Christian Stöcker findet.

Die Frage aber ist: Steigen die Preise gerade überhaupt wegen der CO₂-Abgabe, wer auch immer sie fordert/verantwortet/erhöhen will? »Die Antwort lautet: zum Teil«, sagt mein Kollege Claus Hecking. »Seit Jahresanfang treibt vor allem der Rohölpreis die Verkaufspreise. Und an den Autobahntankstellen setzt ein Quasimonopolist noch ordentliche Aufschläge durch.« Zu Hause zu bleiben, ist nach den Shutdowns für viele trotzdem keine Option – schon jetzt sind die Ferienstaus länger als vor Corona. Deshalb der Appell an die mit Streik drohenden Lokführer: Zurückbleiben, bitte.

2. Umfragen

Ein kurzer Rückblick:

  • In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey für den SPIEGEL kam die CDU vier Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt auf 29 Prozent, die AfD auf 28.

  • Auch die Demoskopen von INSA sahen die beiden Parteien noch wenige Tage vor der Wahl so eng beieinander.

  • Die Forschungsgruppe Wahlen sah die CDU bei 30 Prozent und die AfD bei 23.

Am Ende siegte die CDU klar mit 37,1 Prozent der Stimmen. Die AfD erreichte 20,8 Prozent. Meine Kollegin Sophie Garbe aus unserem Hauptstadtbüro hat deshalb einen Wahlforscher gefragt: Können wir uns auf Umfragen noch verlassen? Und kann es sein, dass erst der Eindruck eines Kopf-an-Kopf-Rennens die Leute hat CDU wählen lassen, um eine starke AfD zu verhindern?

Ihr Gesprächspartner heißt Rüdiger Schmitt-Beck und ist Professor für Politikwissenschaft und Politische Soziologie an der Universität Mannheim. »Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass Umfragen vor der Wahl tatsächlich als Prognosen zu sehen sind«, sagt er. »Umfragen kurz vor der Wahl geben keinen Ausblick auf das Wahlergebnis, sondern zeigen eine politische Momentaufnahme.« Aber ja: »Umfrageergebnisse können taktisches Wählen beeinflussen.« Gerade wenn das Parteiensystem immer komplexer werde. »Es reicht nicht mehr, sich zu überlegen, welche Partei man gut findet, sondern man muss sich auch fragen: Hat diese Partei überhaupt eine Chance zu regieren, und mit welchen anderen Parteien würde sie dann zusammenarbeiten?« Dazu kommt: Ostdeutschland sei ein »Sonderfall«. Die Bindungen an Parteien seien generell schwächer – »entsprechend gibt es dort auch mehr Fluktuation bei den Wählerinnen und Wählern«.

3. Umschalten

Was war das für ein Bohei, als Stefan Raab das Rededuell Merkel/Steinbrück mitmoderierte und den SPD-Kanzlerkandidaten mit der King-of-Kotelett-Frage grillte, damals 2013! Der »TV Total«-Erfinder und Wok-WM-Veranstalter von ProSieben reüssiert im politischsten aller politischen Formate – das brachte die geordnete Fernsehwelt durcheinander, in der die Öffentlich-Rechtlichen ordentlich informierten und die Privaten ordentlich unterhielten. Gut, RTL hatte um Peter Kloeppel eine Seriositätsinsel aufgeschüttet, aber sonst?

Heute verkündet RTL, dass Pinar Atalay von den ARD-»Tagesthemen« ins Privatfernsehen wechselt. Schon ab August werde sie den »Ausbau der Informations- und Nachrichtenangebote« mitgestalten, heißt es. Einer ihrer ersten Auftritte werde das Wahltriell am 29. August, das sie gemeinsam mit Kloeppel moderieren soll. »Tagesschau«-Ikone Jan Hofer wird wohl ab Spätsommer ein wöchentliches Nachrichtenformat bei RTL bekommen. Und erst im April bestätigten sich Gerüchte, dass die »Tagesschau«-Sprecherin Linda Zervakis zu ProSieben wechselt. Die Privaten werden politisch – der Trend setzt sich also fort (hier mehr dazu).

»Die Konsequenz, mit der RTL Leute wie Pocher und Bohlen rausschmeißt, um ARD-Gesichter wie Hofer und Atalay zu ihren neuen Zugpferden aufzubauen, macht schon baff«, sagt mein Kollege Christian Buß aus unserem Kulturressort. Hinter dem großen Umbau von RTL und ProSieben stecke aber keine neue Liebe zu seriösen Infoprogrammen, jedenfalls nicht nur, sondern vor allem die blanke Not: Werbeeinnahmen und Quoten sind runtergegangen, Netflix und andere Streamingdienste ziehen Teile des Publikums ab, Hochglanzserien sind teurer zu produzieren als Talkshows.

»Ob das Publikum nun ausgerechnet durch Wahlduelle und Nachrichtenmagazine zurückzugewinnen ist, muss sich erst noch zeigen«, sagt Christian. Für den demokratischen Prozess könne das nur von Vorteil sein. »Aber vielleicht schauen beim Polittalk bei RTL ein paar Leute rein, die niemals ARD oder ZDF einschalten würden.«

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Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »2015 war sie Moderatorin bei der österreichische Übertragung des Eurovision Songtest«

Cartoon des Tages: Priorisierungsende…Nur nicht den Humor verlieren

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Volker Weidermann folgen, was eigentlich immer eine gute Idee ist, und anfangen, den Debütroman der 33-jährigen US-amerikanischen Autorin Kiley Reid zu lesen, der jetzt auf Deutsch erschienen ist. In »Such a Fun Age« erzählt sie »von Rassismus in den USA, von der Angst, das Falsche zu sagen, vom unbedingten Willen, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, und davon, wie schwer es ist, wenn das politische und das ökonomische System falsch ausgerichtet sind«, schreibt Volker.

In dem Buch rutscht einem weißen Mann, einem Nachrichtensprecher, ein Satz raus, den man rassistisch verstehen kann. Dabei will er doch zu den Guten gehören. Er bedauert es sofort, aber gesagt ist gesagt, Eier fliegen durch das Fenster der Familienwohnung, die Polizei wird kommen. Die Babysitterin, eine schwarze Collegeabsolventin und die Hauptfigur des Buches, soll das Kind nehmen, damit es das Tohuwabohu nicht miterleben muss. Im Supermarkt nebenan unterstellt der Wachmann der Babysitterin, sie habe das Kind entführt. »Reid hat einen eindrucksvollen Gesellschaftsroman über unsere Zeit geschrieben«, findet Volker (die ganze Rezension lesen Sie hier).

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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