Nerviges Polittheater: Illners TV-Talk erinnert an Pressekonferenz der Girlband Tic Tac Toe

„Maybrit Illner“ Nerviges Polittheater: Illners TV-Talk erinnert an Pressekonferenz der Girlband Tic Tac Toe

Die "maybrit illner"-Runde, von links: Alexander Gauland, Kevin Kühnert, Maybrit Illner, Gregor Gysi, Melanie Amann

Die Gesprächsrunde bei „maybrit illner“ (ZDF) diskutierte die Frage: „Vertrauen verloren, Kurs gesucht – Wahlen ohne Merkel?“

© Svea Pietschmann / ZDF

Bei „maybrit illner“ stritten sich die geladenen Gäste unproduktiv und polemisch über „den Osten“. Ein nerviges Polittheater, das auch einem altbekannten Problem geschuldet ist.

Von Andrea Zschocher

Manchmal würde man schon gern Mäuschen spielen, wenn TV-Redaktionen die Gästeauswahl für die kommende Sendung besprechen. Dann würde vielleicht klarer werden, wieso für einen Talk, der sich fast ausschließlich um die kommende Wahl in Sachsen-Anhalt drehte, kein Politiker und keine Politikerin aus diesem Bundesland eingeladen wurden. Vollkommen offen blieb auch, wieso das Thema der Sendung dann mit „Vertrauen verloren, Kurs gesucht – Wahlen ohne Merkel?“ überschrieben war, inhaltlich aber nur ganz kurz auf diesen Punkt eingegangen wurde.

Zu Gast bei „maybrit illner“ waren:

  • Dr. Melanie Amann, Leiterin Hauptstadtbüro und Mitglied der Chefredaktion des „Spiegel“
  • Paul Ziemiak (CDU), Generalsekretär
  • Kevin Kühnert (SPD), stellvertretender Vorsitzender
  • Dr. Gregor Gysi (Die Linke), Mitglied des Bundestags und Rechtsanwalt
  • Dr. Alexander Gauland (AfD), Ehrenvorsitzender der Partei

Mit Gregor Gysi und Alexander Gauland waren immerhin zwei in der DDR geborene Politiker am Tisch, die in ihren politischen Überzeugungen nicht unterschiedlicher sein könnten. 

Folglich hatten sie auch sehr weit auseinandergehende Vorstellungen davon, was am Sonntag bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt geschehen wird. Natürlich waren die vier Politiker gekommen, um auf den letzten Metern noch Punkte für ihre Parteien zu holen. Ob dies an diesem Abend gelang, ist fraglich.

Streit um Werteunion und Groko

In weiten Teilen erinnerte diese „maybrit illner“-Sendung nämlich an die legendäre Pressekonferenz der Girlband Tic Tac Toe. Auch wenn die berühmten Worte nicht fielen, stellenweise war es für die Zuschauenden einfach nerviges Polittheater. So forderte Kühnert von Ziemiak eine klare Position gegen die Werteunion. Und zwar nicht auf persönlicher Ebene, der CDU-Generalsekretär sei da frei von Spekulationen, so der SPD-Politiker, aber die Partei im Ganzen ja doch sehr geteilt.

Ziemiak entgegnete darauf irgendwann entnervt, dass man „bei der Frage von Rechtsextremismus (…) keine Späße“ machen dürfe und bekräftigte, dass es „keine Zusammenarbeit mit der AfD“ geben wird, weder in Sachsen-Anhalt, noch auf Bundesebene. Und überhaupt: „Ich bin doch hier, ich bin doch hier“, hauchte er mehrfach, als Maybrit Illner auf die Werteunion und Hans-Georg Maaßen zu sprechen kam. Man könne doch über alles offen reden.

Das sagen auch die anderen Parteien, weswegen Kühnert für das Bundesland Probleme bei der Zusammenarbeit sieht. Gregor Gysi verwies, weil auch die Linke angegriffen wurde, auf die Erklärung der SPD, dass es keine Große Koalition geben würde, nur, um letztlich nach der letzten Bundestagswahl doch wieder dort zu landen.

„Ich will für die gesamte Bevölkerung einen Schritt nach vorn“

Und apropos Bundesregierung, „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann befand: „Merkel hat die Partei in die Mitte geführt“ und viele Leute würden sich damit nicht wohl fühlen. Für sie sei das mit einer der Gründe, warum die AfD solchen Zulauf erhalte. Das sah auch Gysi so, wollte aber vor allem darauf verweisen, dass laut seinen Informationen 20 Prozent der Deutschen überhaupt nicht mehr von den Volksparteien oder die öffentlich-rechtlichen Medien erreicht werden können.

Bilder der Weltgeschichte

Hier müsse man ansetzen. „Ich will für die gesamte Bevölkerung einen Schritt nach vorn“, rief er und das beinhaltet für den Anwalt eben auch, den Osten endlich und wirklich gleichzustellen. Mit gleichem Lohn für gleiche Arbeit, ohne ewiges Aufrechnen und Vergleichen. Durch das Anerkennen von guten Leistungen der DDR, durch Aufarbeitung der Vergangenheit. Denn nach wie vor seien viele AfD-Wähler*innen seiner Meinung nach Protestwählende. Um dem etwas entgegenzusetzen, dürfe man der AfD nicht entgegenkommen, „man muss sie widerlegen“.

„Was Herr Gauland sagt, ist hanebüchener Unsinn“

Daran versuchten sich, außer Gauland selbst, an diesem Abend alle. Der AfD-Politiker sprach davon, dass Björn Höcke kein Rechtsradikaler sei, auch wenn er selbst nicht alle Aussagen wiederholen würde. Außerdem sprach er von der Bundesnotbremse, die „sehr in Richtung Diktatur“ gehe. Eingefangen hatte er diese fragwürdige Aussage dann damit, dass er es ja nur „überspitzt formuliert“, weil die Entscheidung verfassungsrechtlich so problematisch sei. „Was Herr Gauland sagt, ist hanebüchener Unsinn“, entgegnete die Journalistin Amann und machte die Partei dafür verantwortlich, mit Ängsten von Ostdeutschen Politik zu machen, deren „Gefühle anzuzapfen“. 

Hier wäre eine Einschätzung von jemandem vor Ort vielleicht ganz hilfreich gewesen, es ist das alte Problem von über Menschen sprechen, statt mit ihnen.

Weitere Themenpunkte:

  • Braucht die CDU Friedrich Merz? LautAlexander Gauland sei die CDU durch Angela Merkel „substanzlos“ geworden. Retten könnte sie seiner Meinung nach Friedrich Merz.
  • Wie viel Wandel braucht der Osten? Kevin Kühnert erinnerte daran, dass sich in den letzten Jahren in den neuen Bundesländern vieles verändert habe. Und beschwerte sich, dass in der Sendung über Menschen aus dem Osten geredet würde, als sei das „eine unveränderbare Masse“.
  • Fehlt der Osten in der Politik? Illners Frage, ob Menschen aus dem Osten im politischen Alltag nicht die Repräsentanz fehle, um Vorbild zu sein, wiesen Kühnert und Gysi von sich. Es sei noch Luft nach oben, aber es gäbe ja durchaus starke Vorbilder wie Manuela Schwesig oder Franziska Giffey.

Paul Ziemiak sagte, die CDU habe sich für diesen Wahlkampf auf die Fahne geschrieben, man wolle mehr zuhören, mehr versöhnen und nicht spalten. Die SPD soll, wenn es nach Kevin Kühnert geht, präzise über Fragen reden, die entscheidend sind. Beide schafften es in der Sendung aber nicht, sich gegenseitig zuzuhören und ausreden zu lassen. Solch ein Polittheater nützt am Ende vielleicht doch wieder den Falschen.