Lieferengpässe bei Holz und Halbleitern: Deutsche Industrie produziert überraschend 0,7 Prozent weniger

Die Auftragsbücher sind voll, aber die Produktion schrumpft: Wegen Engpässen bei Halbleitern, Bauholz und anderen Vorprodukten haben Industrie, Bau und Energieversorger im April ein Prozent weniger hergestellt als im März, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Die Industrieproduktion allein schrumpfte um 0,7 Prozent.

Der Rückgang kommt überraschend. Ökonomen hatten sogar einen Anstieg der Produktion um 0,5 Prozent erwartet, nachdem sie im März um 2,2 Prozent gewachsen war. Das Ministerium sprach von »einem leichten Dämpfer, der durch eine Knappheit bei Vorprodukten (vor allem Halbleiter und Bauholz) verursacht wurde«. Im Vergleich zum Februar 2020, dem Monat vor dem Beginn der Corona-Einschränkungen, lag die Produktion um 5,6 Prozent niedriger.

Die Industrie sei noch von indirektem Pandemiedruck betroffen, kommentierte der Chefvolkswirt des Bankhaus Lampe, Alexander Krüger, die Entwicklung. »Längere Lieferzeiten und Materialengpässe sind eigentlich Zeichen einer Hochkonjunktur, die derzeit aber gar nicht besteht.« Beim Bau gab es im April einen Rückgang von 4,3 Prozent. Die Energieerzeugung legte dagegen spürbar zu, und zwar um 6,0 Prozent zum Vormonat.

Textilindustrie will erstmals seit Monaten expandieren

Die enttäuschenden Zahlen schlagen auch auf den Blick in die Zukunft durch. Die Produktionserwartungen der deutschen Industrie hätten sich »auf hohem Niveau etwas verschlechtert«, teilte das Münchner Ifo-Institut auf Basis seiner monatlichen Umfrage unter den Betrieben mit. Das Bild in den einzelnen Branchen sei aber sehr differenziert, sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. »Die Autoindustrie und ihre Zulieferer fahren ihre Erwartungen deutlich zurück, rechnen aber weiter mit Produktionssteigerungen.«

Die Bekleidungshersteller dagegen berichten erstmals nach neun Monaten, sie wollten ihre Produktion ausweiten. Ein weiterhin großer Anstieg der Produktion wird ebenfalls in den Bereichen Getränkeherstellung, bei der Produktion von Datenverarbeitungsgeräten und im Maschinenbau erwartet.

Die exportabhängige Industrie kann dabei besonders von der Erholung des Welthandels nach dem Coronaknick profitieren. Nach dem historischen Einbruch 2020 dürfte die Weltwirtschaft dieses Jahr so stark wachsen wie seit 1976 nicht mehr, sagt der Internationale Währungsfonds (IWF) voraus. Treiber sollen die beiden wichtigsten Abnehmer von Waren »Made in Germany« sein: die USA und China.