Kinder impfen gegen den Lockdown? Das ist ärztlich unethisch!

So lau­tet die Überschrift eines Gastbeitrags von zwei Hausärzten auf aerztezeitung.de am 27.5. Sie schreiben:

»… Aus medi­zi­ni­schen Fachgesellschaften wer­den zuneh­mend Zweifel am Risiko-Nutzen-Verhältnis geäußert.

Ist die Studienlage ausreichend?

… Erst in der Nacht zu die­sem Freitag wur­den ers­te Daten der Phase-III-Studie mit der Impfung von Comirnaty® (BNT162b2) bei Zwölf- bis 15-Jährigen ver­öf­fent­licht. Die Daten ent­spre­chen denen, die wir aus den Zulassungserweiterungen in Nordamerika ken­nen (N Engl J Med 2021; online 27. Mai).

In der Studie erhiel­ten 1131 die Vakzine und 1129 Placebo. Unter Verum kam es in der Nachbeobachtungszeit zu kei­ner SARS-CoV-2Infektion, in der Placebogruppe zu 16 Fällen. Für das Follow-up wur­den 98 Prozent der Probanden einen Monat und 58 Prozent min­des­tens zwei Monate nachbeobachtet.

An Nebenwirkungen tra­ten in der Studie nach der ers­ten Impfdosis bei 86 Prozent der Impflinge Schmerzen an der Injektionsstelle auf. 60 Prozent gaben Müdigkeit an, 55 Prozent Kopfschmerzen, 28 Prozent Schüttelfrost und zehn Prozent Fieber. Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Müdigkeit tra­ten nach der zwei­ten Dosis noch etwas häu­fi­ger auf (20, 42, 65 und 66 Prozent). Bei 3,4 Prozent aller mit BNT162b2 Geimpften wur­den die sys­te­mi­schen Nebenwirkungen als schwer­wie­gend eingestuft…

Seit März läuft zudem eine Studie, in der knapp 4500 Kinder zwi­schen sechs Monaten und zwölf Jahren geimpft wer­den sol­len. Auch ande­re Impfstoffhersteller haben ent­spre­chen­de Studien aufgelegt.

Dem gegen­über steht das Risiko durch eine COVID-19-Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) ver­zeich­ne­te bis zum 23. Mai 1548 sta­tio­nä­re Aufnahmen von Kindern und Jugendlichen und 74 inten­siv­pflich­ti­ge Fälle. Über 50 Prozent waren jün­ger als drei Jahre, 37 Prozent jün­ger als ein Jahr.

Zweidrittel der Minderjährigen auf Intensivstation hat­ten schwe­re Vorerkrankungen. Bisher star­ben 20 Kinder und Jugendliche im Alter bis 19 Jahren an oder mit COVID-19. Im Jahr 2019 star­ben 55 Kinder bei Verkehrsunfällen und 25 ertran­ken. Somit muss­ten inner­halb der letz­ten 16 Monate weni­ger als 0,01 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland wegen COVID-19 sta­tio­när auf­ge­nom­men wer­den, weni­ger als 0,00002 Prozent star­ben daran.

Was die Medizinethik dazu sagt

In der Genfer Deklaration des Weltärztebundes gelo­ben wir Ärzte, dass Gesundheit und Wohlergehen unse­rer Patienten unser „obers­tes Anliegen“ sein wer­den und wir „Autonomie und Würde“ unse­rer Patienten respek­tie­ren. Childress und Beauchamp nen­nen vier Säulen der Medizinethik: Autonomie, Non-Malefizienz, Benevolenz und Gerechtigkeit.

Bei der Impfung wird die Autonomie der Kinder und Jugendlichen in den meis­ten Fällen durch die Erziehungsberechtigten wahr­ge­nom­men. Die Benevolenz kon­zen­triert sich hier auf die Verhinderung zusätz­li­cher COVID-19-Erkrankungen. Darüber hin­aus gilt es auch, Fälle eines Long-COVID zu ver­hin­dern, ins­be­son­de­re das mul­ti­sys­te­mi­sche Entzündungssyndrom (MIS‑C).

Die Malefizienz, die es zu ver­hin­dern gilt, wären etwa Impfnebenwirkungen. Gerade bei Kindern gilt, dass sie gegen­über Erwachsenen ein gerin­ges Risiko für eine schwe­re COVID-19 haben, aber ein erhöh­tes Risiko für eine schwe­re Nebenwirkung. Gerechtigkeit als vier­te Säule der Prinzipienethik zielt im kon­kre­ten Fall auf die Verteilung der nach wie vor nicht aus­rei­chend zur Verfügung ste­hen­den Impfdosen auf die Bevölkerung…

Kinder für die Herdenimmunität

Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) müss­ten 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immu­ni­siert sein, um eine Herdenimmunität zu errei­chen. In der Corona-Pandemie bezeich­net der Begriff eine Impfquote, ab der expo­nen­ti­el­le Erkrankungswellen ver­hin­dert wer­den. Rund 70 Prozent aller erwach­se­nen Bundesbürger wol­len sich Umfragen zufol­ge gegen Corona imp­fen las­sen. Hinzu kom­men die von einer SARS-CoV-2-Infektion Genesenen. Inwieweit die etwa 4,5 Millionen Jugendlichen zwi­schen zwölf und 18 Jahren (rund 5,5 Prozent der deut­schen Bevölkerung) das Erreichen die­ses Ziels beschleu­ni­gen kön­nen, ist fraglich.

Auch darf man die Bundesrepublik Deutschland nicht iso­liert betrach­ten. Eine Herdenimmunität hier­zu­lan­de wür­de bei einer sich abzeich­nen­den deut­lich nied­ri­ge­ren Impfquote in ande­ren Ländern nur eine begrenz­te Wirkung zeigen…

Fazit

Wegen der sehr nied­ri­gen Inzidenz schwe­rer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ist durch die Impfung gegen SARS-CoV‑2 bei ihnen weder ein hoher indi­vi­du­el­ler Nutzen zu erwar­ten noch ein hoher Transmissionsschutz. Deswegen soll­te eine COVID-19-Impfung für Kinder und Jugendliche nur nach sehr ein­ge­hen­der Risiko-Nutzen-Analyse emp­foh­len wer­den. Dabei soll­ten ins­be­son­de­re Vorerkrankungen aber auch sozia­le Faktoren berück­sich­tigt wer­den. Bisherige Forschungsergebnisse deu­ten aber dar­auf hin, dass selbst bei per Definition „Risikopatienten“, etwa bei Mukoviszidose oder Typ-1-Diabetes, kein deut­lich höhe­res Risiko für einen schwe­ren Verlauf besteht, als bei gesun­den Kindern und Jugendlichen.

Für eine Herdenimmunität kommt es wesent­lich auf die Akzeptanz der COVID-19-Impfung bei den Älteren an. Die Impfung der Zwölf- bis 18-Jährigen wird hier kei­ne gro­ße Rolle spie­len. Dies gilt ins­be­son­de­re für den Fall, dass vie­le Regionen der Welt nicht aus­rei­chend mit Impfstoff ver­sorgt werden.

Ein sozia­ler und gesell­schaft­li­cher Druck, wonach Urlaubsreisen, der Besuch der Schule oder Freizeitaktivitäten nur Geimpften mög­lich sein soll, muss unbe­dingt ver­mie­den wer­den, damit die indi­vi­du­el­le Impfentscheidung nicht gefähr­det wird. Gesellschaftspolitische Entscheidungen wie die Beendigung des Lockdowns an eine Impfung von Kindern und Jugendliche zu kop­peln, wür­de dem ärzt­li­chen Ethos wider­spre­chen.«

Author: aa