Japanese Breakfast: Jubilee – Interview | kulturnews.de

Michelle, nachdem du dich auf zwei Alben als Japanese Breakfast mit dem Krebstod deiner Mutter auseinandergesetzt hast, beschreibt „Jubilee“ den Versuch, wieder ins Leben zurückzufinden und Freude zuzulassen. Ist es okay, von einen radikalen Neuanfang zu sprechen?

Michelle Zauner: Mit „Jubilee“ öffne ich mit Japanese Breakfast ein neues Kapitel. Nachdem ich sechs Jahre über Trauer geschrieben habe, konnte ich mich Themen wie Freude und Glück wieder nähern. Ich musste das jetzt einfach machen – und vor allem musste ich mir selbst beweisen, dass ich das schaffe.

Parallel zum Album erscheint auch dein autobiografisches Buch „Crying in H-Mart“. War das auch eine wichtige Voraussetzung, um jetzt in eine andere Richtung gehen zu können?

Zauner: Unbedingt. Das Buch hat mir den nötigen Raum gegeben, um wirklich alles loszuwerden, was ich über Trauer sagen wollte. Die ersten Kapitel sind bereits 2016 entstanden, und es gibt viele Querverweise zu allen drei Platten. Es war aber auch ein bisschen Trotz im Spiel, denn ich wollte gegen das Klischee antreten, nach dem Kunst nur aus Traurigkeit entsteht. Gerade beim zweiten Album war ich sehr nervös: Fliegt jetzt plötzlich auf, dass mein Debüt nur ein glücklicher Zufall war, und ich kann die Erwartungen nicht erfüllen? Jetzt war da eine große Leichtigkeit, und ich hatte das Selbstvertrauen, mit üppigen Arrangements zu experimentieren und beim Songwriting mehr zu wagen.

Hat dich die Arbeit an „Jubilee“ zu einem glücklicheren Menschen gemacht?

Zauner: Ich habe mir selbst zugestanden, glücklich zu sein. Trotzdem würde ich eher sagen, dass ich mit der Platte mein Verhältnis zur Freude genauer ausdefiniere. Es sind ja nicht ausschließlich positive Songs. Meist geht es darum, für das Glück zu kämpfen, es zu schützen oder irgendwie zu erhalten.

Mit „In Hell“ ist auch einer deiner düstersten Songs auf der Platte zu finden.

Zauner: Das Stück war ja bereits ein Bonustrack zu „Soft Sounds from another Planet“, aber es war mir so wichtig, dass es hier noch mal einen regulären Platz bekommt. Mit dem Text gehe ich zurück zu dem dunkelsten Tag meines bisherigen Lebens, und gerade im Kontext der neuen Platte hat der Song für mich eine ganz wichtige Botschaft: Auch nach diesem Tag wird es irgendwann wieder möglich sein, Freude zu erleben.

War es eine bewusste Entscheidung, auf der Platte zwischen der Ich-Perspektive und fiktionalen Figuren zu wechseln?

Zauner: Auch auf den ersten beiden Alben habe ich das mehr gemacht, als es aufgefallen ist. Vielleicht wechsle ich zu fiktionalen Szenen, wenn keine innere Aufruhr da ist. Ich blicke dann in die Welt und gestalte sie so, dass sie meine Gefühle repräsentiert.

Sehnst du dich nach dem jugendlichen Überschwang der Gefühle, den du in „Kokomo, IN“ beschreibst?

Zauner: Einerseits schon, denn als Songwriterin tendiere ich immer wieder zu der Annahme, dass dieser Überschwang es leichter macht, kreativ zu sein und eine emotionale Wirkung zu erzielen. Andererseits zehre ich bei vielen anderen Songs von der Erleichterung, dass es nicht mehr so ist. Es mag langweilig sein, dass ich verheiratet bin und eine stabile Beziehung führe. Aber es ist auch schön.