Hype bei Oldtimer-Auktionen: Wer zahlt 127.000 Dollar für diesen Haufen Schrott?

Selten war die Formulierung »Dieses Fundstück hat schon bessere Tage gesehen« passender als bei dem Jaguar XK150 S Drophead Coupé, der beim Auktionshaus Bonhams gerade unter den Hammer gekommen ist. Die Front verbeult bis zur Unkenntlichkeit, der Kotflügel eingedrückt, der abblätternde Lack: stumpf und fleckig.

Den Käufer der Überreste des 1960 erst zugelassenen Fahrzeugs kümmerte das aber offenbar wenig. Er oder sie zahlte 127.500 Dollar – und damit das Sechsfache dessen, was das Auktionshaus zu erlösen geschätzt hatte. Der Markt für Oldtimer erfreue sich derzeit »einer robusten Gesundheit«, zitiert die Nachrichtenagentur »Bloomberg« Rob Hubbard, den Chef von Bonhams.

Die Frage ist, ob es wirklich noch nur um ein Hobby geht, dessen Freunde einfach bereit sind, sehr viel Geld für sehr merkwürdige Exponate auszugeben? Oder treibt womöglich die Suche von Investoren nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten schlicht auch am Oldtimer-Markt immer seltsamere Blüten? Bonhams und Sotheby’s verkauften laut »Bloomberg« jedenfalls jüngst an einem einzigen Wochenende in Florida ältere Fahrzeuge im Wert von mehr als 60 Millionen Dollar.

(Behalten Sie den Überblick: Jeden Werktag gegen 18 Uhr beantworten SPIEGEL-Autoren die wichtigsten Fragen des Tages. »Die Lage am Abend« – hintergründig, kompakt, kostenlos. Hier bestellen Sie Ihr News-Briefing als Mail.)

Ein Baum an einem regnerischen Tag

Der Jaguar ist jedenfalls kein Einzelfall. Experten sprechen in solchen Fällen von einem barn find, einem Scheunenfund. Gemeint sind Fahrzeuge (und deren Überreste), die auf den ersten Blick dem Schrottplatz deutlich näher sind als der Straße (auf den zweiten Blick oft auch). Sie erfreuen sich offenbar immer größerer Beliebtheit und erlösen bei Versteigerungen horrende Summen.

Das lässt selbst Kenner der Szene etwas ratlos zurück, die sich eigentlich mit nichts anderem beschäftigten. John Mayhead etwa ist Experte, er arbeitet bei Hagerty’s Automotive Intelligence in Großbritannien. »Um ehrlich zu sein, wissen wir nicht wirklich, warum so viel Geld ausgegeben wird«, sagt er. Mitunter sei auch gar nicht so sehr die Substanz des Fahrzeugs entscheidend, sondern die damit verbundene Geschichte. Wenn die Story stimme, dann mache es bei manchen Käufern einfach »Klick«, sie würden dann auch »mehr zahlen als nötig«. Es gehe offenbar auch darum, »diese Geschichte fortzuschreiben, man möchte ein Teil davon sein«, sagt Mayhead.

Laut dem Hagerty Price Guide liegt der Wert für einen Jaguar XK150 allerdings bei 280.000 Dollar, sofern es sich um ein Fahrzeug in tadellosem Zustand handelt. Auch das Argument mit der »Geschichte« des Fahrzeugs kann den hohen Verkaufspreis des Wracks nicht recht erklären. Was von der »Story« des Wagens bekannt ist, liest sich recht prosaisch: Der Wagen sei seit 1969 von einer einzelnen Person gefahren worden, bis zu einem »regnerischen Tag« im September 1996, so vermerkt es der Auktionskatalog. Der Fahrer verlor die Kontrolle über den Wagen und prallte gegen einen Baum.

Der Fahrer überstand den Unfall unversehrt – was von dem Jaguar nicht behauptet werden kann.