Finanzbranche – Immo-Kredite: Nationalbank wegen gelockerter Vergabe nervös

In der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) herrscht derzeit eine gewisse Unruhe. Der Grund: Die heimischen Banken haben die vom Finanzmarktstabilitätsgremium 2018 vorgegebenen Standards für die Neuvergabe von Wohnimmobilienkrediten zuletzt nicht mehr strikt eingehalten. Diese Verwässerung könnte dazu führen, dass sich Risiken aufbauen, die die künftige Stabilität des österreichischen Finanzmarktes gefährden könnten, wie Notenbank-Vize Gottfried Haber am Montag zu bedenken gab. Deshalb hat die OeNB, die unter anderem auch für die Bankenaufsicht zuständig ist, das Marktgeschehen bei Immobilienkrediten derzeit verstärkt unter ihre Lupe.

Grundsätzlich dazu angehalten sind die Geldinstitute, bei der Vergabe darauf zu achten, dass der Kreditnehmer mindestens 20 Prozent der Finanzierung mit eigenem Kapital stemmt, die Tilgung des Kredits 40 Prozent seines verfügbaren Einkommens nicht übersteigt und die Laufzeit nicht mehr als 35 Jahre beträgt. Etliche Banken halten sich auch daran. Dennoch – und das scheint mittlerweile ein Trend zu sein: „Bereits mehr als die Hälfte der Neukredite wird mit weniger als 20 Prozent eigenen Mitteln finanziert“, so Haber. „Und bei einem Fünftel macht der Schuldendienst mehr als 40 Prozent des Nettoeinkommens aus.“

Aus Habers Sicht erfordern solche Entwicklungen „erhöhte Aufmerksamkeit“, um potenziell systemische Stabilitätsrisiken frühzeitig hintanzuhalten. Eine unmittelbare Gefahr bestehe zwar nicht, sagte der Notenbanker. Doch schon jetzt wäre es für die Banken ratsam, wieder mehr Augenmerk auf die Einhaltung der Vergabestandards zu richten.

Indes ist der Kauf einer Immobilie auch in der Viruskrise oft ein Grund für private Haushalte, sich zu verschulden. Vor allem wegen des anhaltend niedrigen Zinsniveaus und der geänderten Ansprüche ans Wohnen als Folge der Pandemie sind Wohnimmobilienkredite stark nachgefragt, auf sie entfielen 2020 mit 27 Milliarden Euro zwei Drittel aller Kredite, die an private Haushalte gingen.

Nach Angaben der OeNB-Chefökonomin Doris Ritzberger-Grünwald hat die insgesamt gestiegene Kreditaufnahme bei der Verschuldungsquote der Haushalte zusammen mit den gesunkenen Einkommen für den stärksten Zuwachs seit 15 Jahren gesorgt. Im Gegensatz zu Immobilienkrediten gab es bei Konsumkrediten jedoch einen deutlichen Rückgang, da ein Konsumieren wegen der Lockdowns vielfach nur eingeschränkt möglich war. Wenig überraschend stieg deshalb auch die Sparquote, zum Jahresende 2020 lag sie mit mehr als 14 Prozent auf einem historischen Höchststand.

OeNB bescheinigt Banken Krisenfestigkeit

Bei den heimischen Unternehmen sei die Verschuldungsquote hingegen nur moderat angestiegen so Ritzberger-Grünwald. Angesichts der dramatischen Krise und ihrer Auswirkungen sei dies „ein beachtliches Ergebnis“.

Vor allem dank der geldpolitischen Maßnahmen der EZB, aber auch dank der staatlichen Garantien und Moratorien habe die Aufrechterhaltung der Liquidität in der Krise gesichert werden können, sagte OeNB-Gouverneur Robert Holzmann bei der Präsentation des Finanzmarktstabilitätsberichts. Der heimische Bankensektor habe sich jedenfalls als krisensicher erwiesen.

Damit das so bleibt, müsse er sich jedoch zunehmend auf das Auslaufen der staatlichen Corona-Hilfen vorbereiten, betonte Haber. Dabei gelte es vor allem, die Qualität der vergebenen Kredite gut im Auge zu behalten. Im Fokus der Banken sollte auch eine „solide Eigenkapitalbasis“ stehen. Bei Gewinnausschüttungen, Aktienrückkäufen und Boni sei nach wie vor Zurückhaltung angesagt. Zudem sollten die Banken ihre Effizienz steigern und Strategien im Zusammenhang mit der Digitalisierung und dem Klimawandel entwickeln und umsetzen.