Erika de Casier: Sensational – Interview | kulturnews.de

Erika de Casier, du hast dein Debütalbum „Essentials“ im Jahr 2019 bei dem kleinen dänischen Label Jeep Musik veröffentlicht – und plötzlich wurde deine Fusion aus 90er-R’n’B und zeitgemäßer Elektronik von den weltweit wichtigsten Musikmedien gefeiert.

Erika de Casier: Als ich mein Releasekonzert in London gespielt habe, waren genau zehn Leute da. Doch als ich ein paar Monate später wieder dort aufgetreten bin, war die Show ausverkauft, und das Publikum konnte alle Texte mitsingen. Zwischen diesen beiden Konzerten gab es fast jeden Tag einen Wow-Moment. Nach und nach sind plötzlich all die positiven Besprechungen aufgetaucht, und Musikerinnen wie Dua Lipa oder Clairo, die ich selbst sehr bewundere, haben etwa auf Instagram geschrieben, wie sehr ihnen meine Platte gefällt. (lacht) Von all diesen Momenten zehre ich noch heute. Wenn ich schlechte Tage habe, versuche ich, sie mir ins Gedächtnis zu rufen.

Eigentlich war immer die Malerei deine große Leidenschaft. Stimmt es, dass du nur zur Musik gekommen bist, weil du dich irgendwann über die Malerei nicht mehr ausdrücken konntest?

Erika de Casier: Es hat für mich nicht mehr funktioniert, weil ich zu bewusst gemalt habe. Ich hatte den Anspruch, dass es gut werden muss – und das hat mir die Freude daran genommen. Bei der Musik habe ich diesen Anspruch nicht. Ich habe nicht schon als kleines Mädchen am Klavier gesessen und virtuos gespielt. Insofern war es ein Freiraum, in dem ich ruhig scheitern konnte. (lacht) Natürlich hat sich das inzwischen auch geändert, trotzdem habe ich auch heute noch Momente, in denen ich mich nicht wirklich als Musikerin fühle. Bei der Musik konnte ich von Anfang an darauf achten, dass sie nicht eins zu eins zu meiner Identität wird. Wenn meine Musik scheitert, will ich mich nicht als Person in Frage stellen.

Wie definierst du dann Erfolg?

Erika de Casier: Gerade weil ich so persönliche Songs schreibe, geht es in erster Linie darum, dass ich voll und ganz hinter der Musik stehe. Natürlich ist mir auch die Anerkennung von außen wichtig. Ich achte ja schon etwa darauf, welcher Song wie oft angeklickt wird. So lange ich die Songs mit den hohen Zahlen nicht lieber mag als die anderen, habe ich noch alles unter Kontrolle. (lacht)

Hat dich die Musik bislang noch nie verlassen, indem du etwa eine Schreibblockade hattest oder wie bei der Malerei an die Grenzen der Ausdrucksfähigkeit gestoßen bist?

Erika de Casier: Bei der Musik habe ich noch immer das Gefühl, dass es so viel zu entdecken und zu lernen gibt. Was jetzt nicht heißen soll, dass ich mich für eine perfekte Malerin halte. Ich habe da nur einfach die Neugier verloren. Und ich glaube, das wird mir bei der Musik nicht so schnell passieren.

Hast du mal versucht, einen deiner Songs zu malen?

Erika de Casier: Das ist vielleicht keine schlechte Idee. (lacht) Tatsächlich habe ich vor kurzem wieder angefangen, ein bisschen zu zeichnen. Das geht jetzt wieder, weil der Ansporn ein anderer ist. Wenn ich zeichne, komme ich zur Ruhe. Es ist ein bisschen so, als würde ich in ein Tagebuch schreiben.

Dein Debüt „Essentials“ und auch das neue Album „Sensational“ bestechen durch dein Gespür für Melodien und Hooks. Dabei hast du dich bei der Musik ja eigentlich zunächst auf die Produktion fokussiert, oder?

Erika de Casier: Die Produzenten, bei denen ich in den ersten Jahren ganz viel gelernt habe, waren bei Gesang und Songwriting immer ein bisschen abschätzig. Für mich hat das gepasst, denn damals hätte ich noch gar nicht das Selbstvertrauen gehabt, um als Sängerin vors Mikro zu treten. Es hat mir eine gewisse Unabhängigkeit gegeben, mich zunächst mit der Produktionsseite vertraut zu machen, und wenn ich heute an neuem Material arbeite, kann ich mich einem Song immer aus verschiedenen Richtungen nähern. Andererseits habe ich schon in der Schule Gedichte geschrieben und im Chor gesungen. Musik mit Vocals hat mich immer schon am meisten berührt, und insgeheim wusste ich vermutlich immer schon, dass es da enden wird.

Stimmt es, dass ein Diskman für deine musikalische Sozialisation extrem wichtig gewesen ist?

Erika de Casier: Irgendwann war ich von der Musik im Radio gelangweilt. Ich hatte Freund*innen, die mich mit melancholischer Musik wie etwa Radiohead und Björk angefixt haben. Da habe ich angefangen, die Musikbibliothek unserer Schule zu nutzen, wo ich dann etwa Massive Attack, Tricky und Portishead entdeckt habe. Auch viele klassische R’n’B-Alben habe ich mir dort ausgeliehen und dann sofort auf meinem Diskman gehört.

Nervt es, wenn als Referenzen zu deiner Musik immer wieder Namen wie Janet Jackson, Aaliyah, Destiny’s Child und auch Sade fallen?

Erika de Casier: Gar nicht, denn das sind ja alles Sachen, die mich inspiriert haben. Trotzdem vermengt sich das ja mit vielen anderen Sachen, wenn ich das heute für mich anverwandle. Genauso interessiere ich mich ja auch dafür, was gegenwärtig in der Musik passiert. Ich glaube nicht, dass meine Songs in den 90ern auf großes Interesse gestoßen wären. (lacht)

Für das neue Album hast du ein paar Monate in Berlin gelebt. Ist es ein Einfluss der deutschen Hauptstadt, wenn der Fokus bei „Sensational“ auf der selbstbestimmten Frau liegt, die aus gescheiterten Beziehungen gestärkt hervorgeht?

Erika de Casier: Viele der Songs haben sich erst später im Lockdown ausgeformt. In dieser einsamen Zeit hat mir die Musik dabei geholfen, den Kopf oben zu behalten. Aber vielleicht hatte auch Berlin einen gewissen Einfluss. Ich habe viele Musiker*innen kennengelernt, die sehr experimentelle elektronische Musik machen. Es hat mir sehr viel bedeutet, dass sie meine Musik anerkannt und geschätzt haben, auch wenn sie selbst ganz andere Sachen machen.

Wenn du heute das Debütalbum hörst, was denkst du dann über die jüngere Erika?

Erika de Casier: Eigentlich fühlt es sich nicht so an, als hätte ich mich wahnsinnig verändert. Doch wenn ich die beiden Platten miteinander vergleiche, erkenne ich schon, dass ich mich weiterentwickelt habe und selbstbewusster geworden bin. Dann bin sehr stolz auf die Veränderungen der letzten zwei Jahre. Auch weil ich gleichzeitig nicht das Gefühl habe, die Erika von „Essentials“ dabei verloren zu haben.