Die Lage am Morgen – Was vom G7-Treffen zu erwarten ist

Boris Johnson darf wieder spielen – den Gastgeber

Vor dem G7-Gipfel, der morgen in Cornwall beginnt, wird der britische Premierminister Boris Johnson heute US-Präsident Joe Biden empfangen. Das Treffen der »Gruppe der Sieben« findet unter Johnsons Vorsitz in Carbis Bay in Cornwall statt und ist das erste persönliche Treffen der Staats- und Regierungschefs in diesem Format seit zwei Jahren. Im vergangenen Jahr haben sie sich wegen Corona nur per Video zusammengeschaltet.

Vor zwei Jahren, vor Corona – das war noch eine andere Welt. In den USA regierte Donald Trump, Boris Johnson hatte als neuer Premier sein erstes G7-Treffen noch vor sich. Weil er den Brexit gewollt hatte und vorantrieb, war er weder in Berlin noch in Paris gern gesehen. Er suchte damals die Nähe zu Amerika, zu Trump.

Heute ist der Brexit vollzogen, Johnson hat es mit Trumps Nachfolger zu tun, der nicht vergessen hat, dass Johnson mit Trump anbandeln wollte und lang genug als dessen Ebenbild galt – aus guten Gründen: Johnson ist zwar origineller als Trump, aber ein Populist ist er eben doch. Nun wird Johnson zeigen müssen, welche Position im internationalen Geflecht er für das Königreich nach dem Brexit vorsieht. Spalten ist leichter als zusammenbringen. Und das Zusammenbringen der unterschiedlichen Länderinteressen ist die Aufgabe eines G7-Gastgebers.

Um sich als ehrenwertes Mitglied im Klub der Demokraten auszuweisen, hat Johnson besondere Gäste eingeladen: die Regierungschefs von Indien, Australien, Südkorea und Südafrika. Dies soll als Abgrenzung zu autoritären Staaten wie China und Russland verstanden werden – und wäre damit auch ein aufmunterndes Selbstlob der beim G7-Treffen vertretenen Staaten.

Er ist halt so charmant und wendig, der »Boris«, wie ihn die Einwohner des Königreichs meist nennen. Er wird seine Gäste amüsieren mit der Mischung aus Verschrobenheit und Formvollendung, die ihm von Kindheit an in der britischen Upper Class antrainiert wurde. Doch nur zu spielen und zu charmieren – das wird diesmal nicht reichen. Aktivisten, zum Beispiel von Ocean Rebellion, bereiten sich schon darauf vor, den Gipfel zu stören. Und Biden soll sich vorgenommen haben, mit Johnson über die Auswirkungen des Brexits zu sprechen, zum Beispiel auf den Frieden in Nordirland.

Und die Themen, um die es vor allem gehen soll, sind ernst: der Klimawandel und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie – die ja immer noch anhält. Umweltgruppen hoffen auf ein konkretes Enddatum für die Verbrennung von Kohle und anderen fossilen Brennstoffen. Außerdem soll darüber verhandelt werden, wie der Westen mehr Impfstoffe in die Welt verteilen kann, anstatt sie in den eigenen Ländern zu horten.

Das nächste Schuljahr: Was die Kinder eigentlich lernen sollten

Heute und morgen berät die Kultusministerkonferenz über das nächste Schuljahr 2021/2022. Ausnahmezustände sind schwierig genug, aber noch schwieriger ist oft die Zeit nach einem Ausnahmezustand – und das wird das anstehende Schuljahr hoffentlich sein. Es wird darum gehen, nach anderthalb Jahren Chaos Normalität einzuüben. Aber was wäre Normalität nach all dem, was geschehen ist?

Vor einigen Ausgaben hat der SPIEGEL eine Titelgeschichte zur Lage der Kinder in der Coronakrise gebracht, darin kommen eine Psychotherapeutin und eine Professorin für Entwicklungspsychologie zu Wort, sie sind sich einig: Die Schulen in Deutschland sollten weniger Druck auf die Kinder ausüben, verpassten Stoff nachzuholen, sondern versuchen, an deren Erfahrungen in der Pandemie anzuknüpfen. Tod, Krankheit, Verlustängste, Traurigkeit, Einsamkeit, Streitigkeiten – all diese Themen ließen sich in Fächern wie Deutsch, Religion, Musik oder Kunst behandeln.

»Psychische Gesundheit gehört in den Unterricht«, sagt Silvia Schneider, Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie, »man brauchte dafür ja kein eigenes Fach, das lässt sich in Biologie, Kunst und Sport mitbehandeln. Es wäre wichtig im Sinne der Prävention. Die Kinder müssen in die Lage versetzt werden zu verstehen, wie Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Wut entstehen und dass sie in Lebenslagen wie einer Pandemie vollkommen angemessen sind.« Und die Professorin fordert: »Es wäre sinnvoll, wenn die Landesregierungen entsprechende Materialien in ihren Schulministerien erstellen ließen.«

Ministerpräsidentenkonferenz – als wäre nichts geschehen

In den Terminkalendern des heutigen Tages ist ein Treffen angekündigt, das ein Jahr lang zu einem zwar nicht liebgewonnen, aber zentralen Ritual zur Bekämpfung der Pandemie geworden war: das Ministerpräsidententreffen mit der Kanzlerin. Alles beherrschendes Thema dieser Runden war Corona, bis die Runde sich vor Ostern mit einem zwar kraftvollen, aber letztlich nicht zu bewerkstelligenden Plan für eine »Osterruhe« blamierte und die Kanzlerin deswegen das Volk um Verzeihung bitten musste.

Im Terminkalender werden für heute Themen angeführt, die plötzlich so gar nichts mehr oder kaum etwas mit der Pandemie zu tun haben: »Umsetzung der Energiewende«, »Digitalisierung«, »Entwicklungszusammenarbeit«. Das politische Leben nach der Pandemie scheint begonnen zu haben – jedenfalls beinahe. Es ist jetzt schon zu hören, dass es natürlich doch um Corona gehen soll, und zwar um Regeln für Großveranstaltungen und ums Impfen. Aber die offizielle Ankündigung schließt mit dem Hinweis: »Corona noch unsicher als Thema«.

Gewinnerin der nächsten Tage…

…wird die Außenleinwand sein. Die Berlinale, deren zweiter Teil gestern begann – das »Summer Special« für das öffentliche Publikum – ist ein reines Open-Air-Festival. Und den Zuschauern der Fußball-EM, die morgen beginnt, empfiehlt ein Aerosolforscher, den der Deutschlandfunk zitiert, ebenfalls das Public Viewing. Es sei »absolut die bessere Alternative zum Fußballgucken vorm eigenen Fernsehen mit fünf, sechs Kumpels zu Hause«. Der Forscher hält es sogar für ungefährlich, sich draußen – kurz! – jubelnd in den Armen zu liegen: »Die Köpfe sind dabei nebeneinander und die Aerolsolwolke geht eben aneinander vorbei.« Es wäre also eine gewisse Jubeldisziplin einzuhalten. Wegen der Pandemie sind in diesem Jahr keine großen Public-Viewing-Veranstaltungen in den Innenstädten geplant, dafür aber wollen viele Restaurants und Cafés die Spiele draußen zeigen.