Die Alten waren’s nicht – wer hat in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt?

Statistiken zur Landtagswahl Die Alten waren’s nicht – wer hat in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt?

Statistiken zur Landtagswahl: Die Alten waren's nicht – wer hat in Sachsen-Anhalt die AfD gewählt?
Sehen Sie im Video: Wahlsieger Haseloff hält sich Optionen für Koalition in Magdeburg offen.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff hält sich nach dem deutlichen Wahlsieg seiner CDU offen, mit wem er künftig regieren will. Man müsse genau überlegen, was gut sei und stabil halte, sagte Haseloff am Montag in der ARD. Die Entscheidungen würden im Land gefällt und niemand wolle eine Wackelpartie. Es werde Angebote in alle Richtungen geben, die sich für die CDU demokratisch anböten. Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis wurde die CDU bei der Landtagswahl am Sonntag mit 37,1 Prozent klar stärkste Partei. Die AfD erreichte 20,8 Prozent, wie die Landeswahlleitung in der Nacht mitteilte. Die Linke holte 11,0 Prozent, die SPD 8,4 Prozent, die Grünen 5,9 Prozent. Die FDP zieht mit 6,4 Prozent nach zehn Jahren wieder in den Landtag in Magdeburg ein.

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Sind es vor allem die älteren, in der DDR aufgewachsenen Menschen, die der AfD ihre Stimme bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gegeben haben? Nein, zeigt ein Blick auf die Statistiken.

Sie hat Verluste eingefahren, ist aber erneut zweitstärkste Kraft bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geworden: die Alternative für Deutschland (AfD) mit ihrem Spitzenkandidaten Oliver Kirchner.

20,8 Prozent der Zweitstimmen entfielen auf die AfD, das sind 3,4 Prozentpunkte weniger als vor fünf Jahren. Oder, in absoluten Zahlen: Insgesamt 221.498 Menschen in Sachsen-Anhalt gaben laut vorläufigem Ergebnis einer Partei ihre Stimme, die nicht nur nach Ansicht des Verfassungsschutzes die Grenze vom Rechtspopulismus zum Rechtsextremismus überschritten hat.

Wer hat bei der Landtagswahl die AfD gewählt und warum? Sind es wirklich – wie Marco Wanderwitz (CDU), der Ostbeauftragte der Bundes kürzlich in einem Podcast der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mutmaßte – „Menschen, die teilweise in einer Form diktatursozialisiert sind, dass sie auch nach dreißig Jahren nicht in der Demokratie angekommen sind?“ Mitnichten, wie ein Blick auf die Daten der Meinungsforschungsinstitute zeigt. Und die Zahlen bieten noch weitere überraschende Erkenntnisse.

Junge und Mittelalte wählten in Sachsen-Anhalt AfD

Es gibt zwei Gruppen von Wählerinnen und Wählern, in denen die AfD bei der Landtagswahl die stärkste Kraft wurde. Das zeigen Daten, die Infratest Dimap für den Mitteldeutschen Rundfunk erhoben hat. Demnach haben 37 Prozent der 35- bis 44-Jährigen ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Die CDU kommt in dieser Altersgruppe lediglich auf 30 Prozent. Auch bei den 25- bis 34-Jährigen liegt die AfD (27 Prozent) gegenüber der CDU (22 Prozent) vorn. Bei den noch jüngeren Wählerinnen und Wählern liegen CDU (18 Prozent) und AfD (17 Prozent) beinahe gleichauf. 

In der Gruppe derjenigen, die tatsächlich in der DDR sozialisiert wurden, fällt die AfD dagegen gegenüber der CDU von Ministerpräsident Reiner Haseloff zurück. Unter den 45- bis 59-Jährigen hat die CDU 35 Prozent der Stimmen bekommen, die AfD 26. Noch deutlicher fällt das Ergebnis bei den Über-60-Jährigen zugunsten der CDU aus. Hier erhielt sie 46 Prozent der Stimmen, die AfD liegt mit 15 Prozent nur zwei Punkte vor der Linkspartei.

Wählerinnen- und Wählerwanderungen

Infratest Dimap hat auch untersucht, wo die Wählerinnen und Wähler 2016 ihr Kreuz gemacht haben. Dass es Reiner Haseloff und der CDU gelungen ist, AfD-Wählende „zurückzuholen“, wie es am Wahlabend des Öfteren zu hören war, ist demnach nur ein Teil der Wahrheit. 59,8 Prozent von ihnen haben auch vor fünf Jahren AfD gewählt – nur die CDU hat treuere Anhängerinnen und Anhänger. Die alte und voraussichtlich neue Regierungspartei konnte lediglich 8,1 Prozent der AfD-Wählerinnen und -wähler von 2016 von sich überzeugen. Der gleiche Anteil von ihnen hat in diesem Jahr nicht mehr AfD gewählt – weil die Menschen verstorben sind. 11,1 Prozent der damaligen AfD-Wählerinnen und -wähler verabschiedeten sich zu den Nichtwählerinnen und -wähler. Sie sind die Gruppe, die der AfD den größten Verlust bescherte. Andererseits konnte die AfD jedoch auch 12,6 Prozent derjenigen, die 2016 nicht zur Wahl gegangen sind, von sich überzeugen.

AfD-Hochburgen sind rar geworden

Konnte die AfD 2016 noch 14 der damals 43 Wahlkreise in Sachsen-Anhalt gewinnen, ist die Zahl der Direktmandate deutlich zusammengeschrumpft: auf genau eines im Wahlkreis Zeitz ganz im Süden des Landes. Hier erlangte Lothar Waehler 27,1 Prozent der Erststimmen und damit exakt einen Prozentpunkt mehr als CDU-Mitbewerber Arnd Czapek. Der Rest der politischen Landkarte Sachsen-Anhalts präsentiert sich schwarz. Die CDU gewann in allen anderen 41 Wahlkreisen das Direktmandat. Hier hat es offenbar geklappt, dass sich die Wählerinnen und Wähler in der Mehrheit der AfD ab- und der CDU zugewandt haben.

Die Auswertungen auf Wahlkreisebene, einen Koalitionsrechner, alle Ergebnisse und weitere Statistiken zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt finden Sie hier in unserer interaktiven Grafik.

Quellen: Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Mitteldeutsche Rundfunk, „Tagesschau“, Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt (2), Nachrichtenagentur DPA

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