„Das ist Wahnsinn“: Während wir wachsende Freiheit genießen, verzweifelt Afrika am Impfstoffmangel

Die Industrieländer sind im Begriff, die Coronakrise langsam zu überwinden – während Afrika mit rasant steigenden Infektionszahlen kämpft. Schuld an der Notlage ist vor allem die dramatisch ungleiche Verteilung der Impfstoffe.

In Deutschland gehen die Coronazahlen immer weiter herunter. Man kann sich endlich wieder mit Freunden treffen, in größeren Gruppen an Veranstaltungen teilnehmen, Restaurants besuchen – und darüber nachdenken, wohin man mit seinen Impfscheinen in den Sommerurlaub fahren könnte. Mittlerweile sind sogar die ersten Landkreise völlig coronafrei. Auch in anderen Ländern Europas und Industrieländern weltweit genießen die Menschen ihre zunehmend wiedergewonnene Freiheit.

In Afrika können die meisten Menschen davon nur träumen. Der Kontinent kämpft derzeit mit rasant steigenden Infektionszahlen und wird von einer dritten Pandemie-Welle bedroht. Diese gegenläufige Entwicklung hat einen Grund: die völlig ungleiche Verteilung der Corona-Impfstoffe auf der Welt. Nur zwei Prozent der Afrikaner haben bisher mindestens eine Impfung erhalten, während 24 Prozent der Weltbevölkerung geimpft sind.

In Afrika fehlen 700 Millionen Corona-Impfdosen

Fast 44 Prozent aller Dosen seien in den reichen Ländern verabreicht worden, aber nur 0,4 Prozent in den armen Regionen, beklagte der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, in der vergangenen Woche. „Besonders frustrierend an diesen Zahlen ist, dass sich daran seit Monaten nichts geändert hat.“ Dabei sei das baldige Teilen von Impfstoff „die beste Art, die akute Phase der Pandemie zu beenden“.

Tatsächlich sind in den Vereinigten Staaten und Großbritannien mittlerweile mehr als 40 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, mit noch höheren Raten bei Erwachsenen und Risikopersonen. In den europäischen Ländern ist die 20-Prozent-Marke fast erreicht oder überschritten. In Deutschland haben nach Angaben des Robert-Koch-Instituts vom Mittwoch 46,5 Prozent der Menschen eine erste Spritze erhalten, 22,8 Prozent sind vollständig immunisiert. Die USA, Frankreich und Deutschland bieten inzwischen sogar Impfungen für Jugendliche an, bei denen das Risiko einer schweren Erkrankung durch Covid-19 sehr gering ist.

Derweil fehlen in Afrika rund 700 Millionen Impfdosen, selbst wenn man die Vakzine berücksichtigt, die bereits gesichert wurden: durch Covax, das WHO-Programm für ärmere Länder, und durch ein Abkommen mit dem Pharmariesen Johnson & Johnson, das allerdings erst im August, also in zwei langen Monaten, in Kraft tritt. Impfstoff-Lieferungen nach Afrika seien „fast zum Stillstand gekommen“, beklagt die WHO.

Wie dramatisch das Impfdefizit in Afrika ist, zeigt ein Blick auf einzelne Länder: In Südafrika, dem Land mit der robustesten Wirtschaft des Kontinents und der größten Anzahl an Coronavirus-Fällen, seien laut der Johns-Hopkins-Universität nur 0,8 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP). Und Hunderttausende Mitarbeiter im Gesundheitswesen des Landes, von denen viele täglich mit dem Virus konfrontiert würden, warteten immer noch auf ihre Impfung.

Pandemie

In Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas mit mehr als 200 Millionen Einwohnern, sind demnach nur 0,1 Prozent der Menschen vollständig geschützt. In Kenia, mit 50 Millionen Einwohnern, sogar noch weniger. Uganda habe Impfdosen aus ländlichen Gebieten zurückgerufen, weil es nicht annähernd genug Vakzine habe, um Ausbrüche in Großstädten zu bekämpfen. In dem ostafrikanischen Land hatte die Zahl der Fälle zuletzt innerhalb einer Woche um 131 Prozent zugenommen, mit Ausbrüchen in Schulen und einem Anstieg der Infektionen unter Mitarbeitern des Gesundheitswesens.

Der Tschad hat der AP zufolge erst am vergangenen Wochenende seine ersten Impfungen überhaupt verabreicht. Und in mindestens fünf weiteren afrikanischen Ländern sei laut den Afrika-Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC) bislang kein einziger Bewohner mit Biontech, Astrazeneca oder irgendeinem anderen Vakzin immunisiert worden.

„Es ist extrem besorgniserregend und manchmal frustrierend“, sagte CDC-Direktor John Nkengasong, ein kamerunischer Virologe, der versucht sicherzustellen, dass einige der ärmsten Nationen der Welt einen fairen Anteil an Impfstoffen auf einem Markt erhalten, auf dem sie unmöglich konkurrieren können.

„Keine Impfstoffe in Afrika. Jeder weiß es und jeder zuckt mit den Schultern, von China über Russland bis zum G7-Gipfel, der am Samstag in Cornwall zusammenkommt“, kommentiert die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ die Situation. „Von fast zwei Milliarden Impfdosen weltweit landete nur ein Prozent in afrikanischen Armen. (…) Und es ist nicht zu erwarten, dass die verlorene Zeit bald aufgeholt wird. Während sich der Westen wieder öffnet, fällt Afrika der dritten Welle zum Opfer.“

Und die südafrikanische Menschenrechtsanwältin und Aktivistin Fatima Hasan warnte laut AP: „Die Menschen sterben. Die Zeit ist gegen uns. Das ist Wahnsinn.“

G7 müssen „moralische Katastrophe“ verhindern

Auch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist das Thema angekommen: Es sei zwar ein großer Schritt, dass die G7-Staaten noch in diesem Jahr Impfstoffe abgeben wollten, um Gesundheitspersonal und gefährdete Gruppen in Afrika und anderen Teilen der Welt impfen zu lassen, sagte Steinmeier am Mittwoch in einem Video für die Diskussionsveranstaltung „The Africa Roundtable“. „Zugleich bleibt die Frage, ob das nicht früher hätte geschehen müssen und in größerem Umfang. Ich weiß, dass viele Menschen in Afrika das als ungerecht empfinden, und ich teile dieses Empfinden.“

Bilder einer Pandemie

Er unterstützte alle Bemühungen, Produktionsstätten für Impfstoffe in ärmeren Ländern und Regionen aufzubauen, erklärte der Bundespräsident. „Die Hälfte der Weltbevölkerung lebt in Staaten, die nicht über die Mittel verfügen, sich den Herstellern der Impfstoffe als Vorzugskunden anzubieten“, betonte er.

Nkengasong forderte unterdessen die Staats- und Regierungschefs der G7 auf, überschüssige Impfstoffe zu teilen – etwas, dem die Vereinigten Staaten bereits zugestimmt haben – und eine „moralische Katastrophe“ abzuwenden.

„Ich würde gerne glauben, dass die G7-Länder, von denen die meisten überschüssige Dosen von Impfstoffen aufbewahrt haben, auf der richtigen Seite der Geschichte stehen wollen“, sagte Nkengasong. „Verteilen Sie diese Impfstoffe. Wir müssen diese Impfstoffe tatsächlich erhalten, nicht nur Versprechen und Wohlwollen.“

Quellen: Associated Press, Robert-Koch-Institut, World Health Organisation, AFP