Corona: Wie die Pandemie den Produktfälschern nutzt

Im vergangenen Juni schlossen belgische Zöllner die Website »Torrentz2«, auf der massenhaft raubkopierte Filme, Videospiele und TV-Programme zu finden waren. Zuvor hatten Ermittler nach einer Razzia den Leiter des Salada-Marktes in Buenos Aires verhaftet, auf dem Tausende Händler gefälschte Textilien, Parfüms und Mobiltelefone feilboten. Die europäische Pharmaindustrie entdeckte vergangenes Jahr im Internet mehr als 600 Plattformen, auf denen illegale Arzneimittel verkauft wurden.

Im Gefolge der Coronapandemie breitete sich die Produktpiraterie in den vergangenen Monaten weiter aus. Knapp sieben Prozent aller in die Europäische Union eingeführten Güter waren im vergangenen Jahr gefälscht, heißt es in einem gemeinsamen Bericht der Industrieländer-Organisation OECD sowie des Amtes der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO). Demnach haben Händler nachgeahmte Kosmetika und Spielwaren sowie Elektronik- und Pharmazeutika im Wert von 121 Milliarden Euro in die EU geliefert. »Die Besorgnis über gefälschte Produkte ist während der Covid-19-Pandemie gestiegen«, heißt es in dem Report.

Gefälschte Masken und Schutzanzüge haben Europas Markt überflutet

Dass inzwischen fast jeder zehnte EU-Bürger angibt, schon einmal eine Raubkopie gekauft zu haben, ist wenig überraschend. Haben die Fälscher ihr Warenangebot doch während der Pandemie rasant ausgedehnt:

  • Seit das Coronavirus um die Welt zieht, haben gefälschte Atemmasken, Schutzanzüge und Testkits »den europäischen Markt überflutet«, heißt es in einem Papier der EU-Kommission. Ermittler der Staatengemeinschaft beschlagnahmten vergangenes Jahr mehr als 14 Millionen minderwertige oder raubkopierte Produkte, die für den Kampf gegen Covid-19 gedacht waren. Mehr als 800 Firmen gerieten in Verdacht, an den illegalen Geschäften mit Medizinprodukten beteiligt gewesen zu sein.

  • Die Quarantänemaßnahmen in vielen Ländern haben die Nachfrage nach online gestreamten Filmen, Musikstücken und Videospielen gesteigert, bei denen »die Urheberrechte nicht immer beachtet wurden«, heißt es in dem EU-Bericht. Rund 20 Prozent der in Deutschland verkauften E-Bücher seien Raubkopien, in Russland und China beläuft sich ihr Anteil sogar auf über 90 Prozent. Die Schäden der Copyright-Verstöße seien besonders groß ausgefallen, weil »Künstler, Autoren oder Musiker während der Pandemie oft keine anderen Einkünfte hatten«.

  • Manche Fälschungen setzen die europäischen Verbraucher ernsten Gesundheitsgefahren aus, heißt es in einer weiteren EU-Studie. Vor allem Spielwaren und Modeartikel enthielten vielfach Chemikalien, die ihre Käufer akut oder langfristig schädigen könnten. Am häufigsten, so die Untersuchung, seien Kinder betroffen.

Das Geschäft der Produktpiraten boomt seit Jahren, nun spielt ihnen der wachsende Onlinehandel zusätzlich in die Hände. Mehr als 70 Prozent der Europäer kauften im Jahr 2020 online ein. Das habe es den Verbrauchern erschwert, »legale Quellen digitaler Inhalte von illegalen zu unterscheiden«, so der EUIPO-Bericht. Dennoch wird ein Großteil des Schwarzhandels weiter physisch abgewickelt, mithilfe von Paketsendungen von Postdiensten. Oder in den Containern großer Überseefrachter aus China und Hongkong, woher 80 Prozent der sicher gestellten Fälschungen stammen.

Die Ermittler setzen auf neue Technologien

Der Schaden für Europas Wirtschaft ist beträchtlich. Jedes Jahr, so schätzen Experten, entzieht der Schwarzhandel den EU-Unternehmen Umsätze von mehr als 80 Milliarden Euro. Den Mitgliedstaaten gehen demnach 670.000 Jobs sowie 15 Milliarden Euro an Steuern und Sozialbeiträgen verloren. Besonders betroffen seien Klein- und Mittelbetriebe, so die Behörde, von denen jeder vierte über Schäden durch Produktpiraterie berichtet.

Große Hoffnungen setzen Europas Urherberrechts-Schützer auf die technische Entwicklung. Schon heute werden elektronische Identifizierungsgeräte eingesetzt, Marker auf Produkten und Verpackungen angebracht oder Blockchain-Technologien eingesetzt, die beim Transport jederzeit das Original erkennen. Am wichtigsten aber sei noch immer die Zusammenarbeit mit den Behörden in China, Lateinamerika, Südostasien und Afrika. Dadurch, so der Bericht, könne »das Problem nachgeahmter Waren an ihrem potenziellen Ursprung angegangen werden«.