Aktien – Wiener Börse bekräftigt Plädoyer für „starken Kapitalmarkt“

In der österreichischen Bevölkerung ist das Interesse an Aktien trotz Corona-Krise gestiegen, wie die Nationalbank erhoben hat. Dennoch ist dieses Interesse weiterhin überschaubar. Mit 310 Milliarden Euro ist schließlich der mit Abstand größte Teil des privaten Finanzvermögens nach wie vor auf Sparbüchern gebunkert, deren Zinsen gegen null tendieren und somit nach Abzug der Inflation reale Verluste bescheren. Vor diesem Hintergrund hat das Management der Wiener Börse AG am Dienstag bei der Präsentation ihrer Jahresbilanz für 2020 einmal mehr die Werbetrommel für Aktieninvestments gerührt. Aktien seien demnach die beste Möglichkeit, um am Erfolg der österreichischen Wirtschaft teilhaben und gleichzeitig Zukunftsvorsorge betreiben zu können.

Wie Börsenchef Christoph Boschan dazu erklärte, habe sich der ATX Total Return, der als Performance-Index wie der Frankfurter DAX die Dividenden beinhaltet, in den vergangenen 30 Jahren versiebenfacht. Im Schnitt habe er in diesem Zeitraum eine jährliche Rendite von 6,6 Prozent erzielt. Am Dienstag notierte der ATX Total Return mit 6.949,84 Punkten auf einem neuen Allzeithoch.

Boschan sieht Aktienveranlagungen auch als „geeignetes Instrument, sich gegen Inflation abzusichern“. Als Mindestanlagedauer empfiehlt der frühere Chef der Stuttgarter Börse sieben Jahre – „um Kursschwankungen ausgleichen zu können“.

Wie Boschan sprach sich am Dienstag auch die Vizepräsidentin des Aufsichtsrates der Wiener Börse, Angelika Sommer-Hemetsberger, für einen „starken Kapitalmarkt“ in Österreich aus. „Volkswirtschaften mit einem starken Kapitalmarkt erholen sich von Krisen rascher“, sagte die Managerin, die im Brotberuf Vorständin der Kontrollbank ist. Detail am Rande: Im Regelfall gilt dies etwa für die USA – so auch jetzt, denn aktuell läuft die Konjunkturerholung dort wesentlich besser als in der Europäischen Union.

Geht es nach Sommer-Hemetsberger und Boschan, könnte in Österreich durch eine Wiedereinführung der Behaltefrist für Aktien sowie damit verbundener steuerlicher Anreize jedenfalls mehr privates Kapital aktiviert und für die heimischen Unternehmen nutzbar werden. Mehr Eigenkapital, das anders als Fremdkapital nicht zurückgezahlt werden muss und in Krisen ein Polster sein kann, würde den Wirtschaftsstandort stärken.

Auch mehr Anstrengungen für die Finanzbildung notwendig

Die Wiener Börse wolle als „Turbo für die Wirtschaft“ fungieren, sagte Sommer-Hemetsberger weiter. Wichtig für einen stärkeren Kapitalmarkt sei aber auch, dass mehr für die Finanzbildung in der Bevölkerung getan werde – etwa in den Schulen.

Indes hat das Corona-Jahr 2020 der Wiener Börse, die heuer im September ihr 250-Jahr-Jubiläum feiert, gute Geschäfte beschert. Ihr Konzernumsatz legte um 12,4 Prozent auf 75 Millionen Euro zu, ihr Vorsteuergewinn um gut ein Fünftel auf 41,3 Millionen Euro. Hauptertragstreiber war die hohe Aktivität der Handelsteilnehmer beim Ausbruch der Pandemie. An der Wiener und der Prager Börse, die auch zur 162 Mitarbeiter zählenden Gruppe gehört, stiegen die Handelsumsätze 2020 um je elf Prozent auf 69 Milliarden respektive 10,2 Milliarden Euro. Starke Ergebnisbeiträge seien von den Geschäftsfeldern Anleihen-Listing, Marktdaten & Indizes sowie Zentralverwahrung gekommen. Die Umsätze mit IT-Services blieben auf hohem Niveau stabil. Laut Boschan sollte sich der Wachstumskurs auch 2021 fortsetzen. (kle)